Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion
Kapitel 41
Draußen
Hallo, Marigold. Ich hatte nicht erwartet, dich so bald wiederzusehen. begrüßte Sam seine Schwester und geleitete sie hinein. Seine Wangen waren vom Heben und Tragen gerötet; er hatte in einem der Schlafzimmer Möbel verschoben. Er wollte den Raum für Elanor hübsch herrichten, damit sie ihr eigenes Zimmer hatte, wenn sie alt genug war, dass sie mehr Platz für sich allein haben wollte.
Das kleine Mädchen liebte lichte Räume weit mehr als bei Hobbits üblich, also hatte Sam einen Blumenkasten aufs Fensterbrett gestellt und alle möglichen, hellen Blumen hineingepflanzt, die ihm einfielen; Löwenmäulchen, Sonnenblumen und Kapuzinerkresse, damit das Zimmer noch luftiger aussah.
Wo sind die anderen alle? fragte Marigold, nahm ihre Haube ab und lockerte ihr Haar auf. Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte sie Rosie mit diesem Haar geärgert, denn es hatte warme Erdfarben und ringelte sich in dicken, elastischen Locken um ihre Wangen. Rosies Haar dagegen neigte dazu, sich ständig zu verwirren, musste mit Bändern zurückgehalten werden und wurde bei trockenem Wetter schrecklich kraus. Aber meine Ohren sind hübscher als ihre! hatte Rosie mehr als einmal geschnüffelt, und das war gewisslich wahr. Elanor hatte Rosies Ohren geerbt, aber so rotgoldene Locken wie das kleine Mädchen hatte vor ihr kaum je ein Hobbit gehabt.
Lass mal sehen
Rosie und Ellie sind rüber zu Bella Spachtler gegangen, um sich ihr neues Baby anzusehen. Es ist ein Junge und beinahe genauso hell wie Elanor, nach allem, was ich höre. Und Herr Frodo schreibt, so wie immer.
Ich begreif immer noch nicht, wieso du ausgerechnet sie heiraten musstest, wo du doch so viel bessere Mädchen hättest haben können. Ich hab mal gesehen, wie sie Lutz Farning vor die Füße gespuckt hat, als er sie um einen Tanz bat, und sie hat nicht mal vorher ,Nein, danke! gesagt. Sally Birkenwald wollte, dass du um sie anhältst du weißt, dass sie das wollte und sie bekommt den Hof von ihrem Papa, wenn sie heiratet.
Beutelsend ist zweimal größer als der Birkenwald-Hof je sein wird, und diese Sally ist eine flatterhafte, kleine Meckerliese, die Wasser nicht einmal dann warmkriegt, wenn es sich selber kocht. Marigold, ich werde nicht dulden, dass du in mein Heim kommst und hässliche Dinge über meine Rose sagst, und wenn
Das ist nicht dein Heim! schrie Marigold und schnitt ihm das Wort ab. Und nach dem, was die Leute reden und dem, was ich mit meinen eigenen zwei Augen gesehen habe, ist sie auch nicht deine Rose. Erzähl mir nicht, dass du zu beschränkt bist, das zu merken, Sam. Herr Beutlin lässt euch hier leben, weil er mit deiner widerlichen, kleinen Frau schläft. Ich hab immer schon gesagt, Rosie Kattun ist eine Dir
Jetzt schau her! Sams rote Wangen waren weiß vor Wut. Ich habe meine Hand nie gegen dich erhoben, genauso wenig wie gegen Margerite oder Maie, aber das heißt nicht, dass ichs nicht fertigbrächte, wenn es sein muss. Und wenn du dieses Wort beendest, ist es soweit! Rosie ist jetzt eine Gamdschie, und du wirst sie als deine Schwägerin respektieren. Ich dachte, du wärst was Besseres als eine Tratschbase, Marigold.
Marigolds Fäuste waren fest geballt, ihre Augenbrauen in kaltem Zorn hochgezogen. Ich brauche keinen Tratsch, um die Wahrheit zu erkennen, wenn man sie so deutlich sehen kann. Als Tom und ich bei euch zu Besuch waren, hatte Herr Frodo Blumen in den Haaren, wie ein Zwanziger frisch von einer Balgerei in den Feldern. Versuch ja nicht, mich anzulügen und mir zu erzählen, das sei nicht ihr Werk gewesen! Und er hat Elanor die Windeln gewechselt, als sie schmutzig war. Da muss ich doch zu dem Schluss kommen, dass ihr fremdartiges Aussehen einen ganz einfachen Grund hat. Wieso sollte er sich so um sie kümmern, wenn sie nicht von ihm ist?
Plötzlich lachte Sam, es klang scharf und traurig.
Dein Leben muss ein entsetzlich grauer Ort sein, dass du die Liebe so sehr hasst. Rosie ist meine Frau und Elanor meine Tochter. Und ich kann nicht ermessen, ob es ein Wort dafür gibt, was ich für Frodo empfinde, aber was immer es auch sein mag, es ist, wie es ist! Und wenn Rose Frodos Frau wäre und Ellie seine Tochter, dann würde ich die beiden genauso sehr lieben wie jetzt auch.
Der Schmerz brauchte eine Sekunde, um einzusetzen, nachdem Marigolds Hand hart gegen seine Wange geklatscht war. Ihre Augen liefen über.
Was ist bloß aus dir geworden, Sam? Ich erkenne dich gar nicht wieder. Ihr Blick zuckte hinüber zur Tür des Studierzimmers hinter Sam, und sie stand still und starrte.
Ich denke, du solltest besser gehen. sagte Frodo sehr ruhig und mit seiner höflichsten Stimme.
Komm mit mir. bat Marigold ihren Bruder. Überlass die ihrem Leben, und such dir ein eigenes mit mehr Anstand.
Sam antwortete nicht. Endlich nickte Marigold und ging hinaus. Frodo umarmte Sam, strich ihm mit den Händen durchs Haar und küsste sanft die Stelle, wo sich ein fahler Handabdruck auf seiner Haut abzeichnete.
Es tut mir leid. flüsterte Frodo. Oh Sam, es tut mir leid.
Nein. Sam schüttelte den Kopf. Hör auf dich zu entschuldigen, es gibt nichts, wofür wir uns zu entschuldigen brauchen. Wenn du das sagst, sieht es so aus, als müssten wir ein schlechtes Gewissen haben. Außerdem meint Marigold nicht mal die Hälfte davon richtig ernst, sie sagt so was bloß, weil sie in ihrem eigenen Leben so unglücklich ist.
Frodo nickte. Ich weiß. Setzt du dich eine Weile zu mir? Ich werde noch in Worten ersaufen, wenn ich so weitermache; alles hinterher durchzusehen ist noch viel schlimmer, als es zuerst aufzuschreiben.
Staubkörnchen tanzten im Sonnenlicht, während sie beisammen saßen, träge Rauchringe bliesen und sich über nichts im besonderen unterhielten.
Man redet darüber, die Nacht des Freudenfeuers dieses Jahr auf ein ziemlich frühes Datum zu legen. Die Bäume haben im Sommer so viel grünes Laub getragen, dass es jetzt mehr heruntergefallene Blätter gibt als die Leute wegschaffen können. Sie sagen, der festgesetzte Termin ist schon an diesem Sonntag.
Frodo schüttelte voller Verblüffung den Kopf.
Die Zeit rast dahin, nicht wahr? Es kommt mir vor, als wären wir erst gestern heimgekommen und am Tag davor aufgebrochen.
Ja, und gleichzeitig, fühlt es sich so an, als hätten wir schon immer mit Rosie hier gelebt. Es ist, als gäbe es gleich zwei Sam Gamdschies der eine ein Abenteurer, und der andere ein ganz gewöhnlicher Hobbit.
Ja. Frodo lächelte, dann verfiel er in ein gedankenvolles Schweigen. Endlich, sich selbst leicht zunickend, als ob er eine Entscheidung getroffen hätte, sprach er wieder. Am Donnerstag hat Bilbo Geburtstag, Sam. Und dann hat er den alten Tuk überholt. Er wird hunderteinunddreißig.
Sam erinnerte sich an Bilbos Fest vor zwanzig Jahren, als Rosie ihn auf die Wange geküsst hatte und dann weggelaufen war, die eigenen Wangen knallrot vor Verlegenheit. Das Silberarmband, das er ihn in jener Nacht gegeben hatte, besaß sie immer noch; aber sie bewahrte es für Elanor auf, denn es passte nicht mehr um ihr eigenes Handgelenk.
Wird er das! Sam lachte über den Gedanken, dass Bilbo tatsächlich so alt wurde, obwohl er im Herzen immer so jung geblieben war. Er ist erstaunlich. Dein Geburtstag ist es übrigens auch, denk ja nicht, dass wir das vergessen werden. Rosie veranstaltet ein unvergessliches Fest.
Jedenfalls, Sam sagte Frodo. ich möchte, dass du mit Rosie sprichst und sie fragst, ob sie dich eine Weile entbehren kann. Frodo zog einen Stapel alter Mappen aus einem Bücherregal. Dass wir zwei zusammen fortkönnen. Weit fort und für lange Zeit kannst du jetzt natürlich nicht. Seine Stimme klang ein wenig traurig, fast wehmütig.
Allerdings, nicht sehr gut, Herr Frodo. stimmte Sam zu. Du eigentlich auch nicht, so, wie es um deine Gesundheit bestellt ist. Obwohl ich glaube, der Zauber von Bruchtal nützt mehr, als dass er schadet, und wir werden uns schon irgendwie durchwursteln, bis du zurück bist. Ellie und Rosie können nicht allzu lang allein bleiben, sonst käme ich nicht im Traum darauf, dich alleinzulassen.
Natürlich nicht. Aber mach dir nichts draus. Frodo hielt Sams Hand mit einer Geste, die als Trost gemeint war; die Berührung wirkte ein wenig befremdend durch seinen vernarbten Finger. Du musst mich nur ein Stück auf dem Weg begleiten. Sag Rosie, du bleibst nicht lange fort, höchstens vierzehn Tage, und kommst dann wohlbehalten wieder. Und sie muss sich auch um mich keine Sorgen machen, denn ich bin glücklich und sicher, obwohl ich meine kleine Familie vermissen werde.
Frodo blinzelte ein paarmal, als hätte er den Rauch in die Augen bekommen, und er drückte Sams Finger ganz fest.
Ich wollte, ich könnte bis nach Bruchtal mitkommen, Herr Frodo, und Herrn Bilbo besuchen
aber der einzige Ort, wo ich jetzt wirklich gerne bin, ist hier. Ich bin so entzweigerissen!
Armer Sam! Frodo lächelte, die Augen immer noch verdächtig hell von der rauchigen Luft und dem Licht des Feuers. So wirst du dir vorkommen, leider. Aber das wird verheilen. Du bist von Grund auf gesund und aus einem Guss und wirst es bleiben.
Obwohl ich glaube, dass meine Gesundheit an deine gebunden ist. Und wenn du stark und gesund zu uns zurückkommst, dann werden beide Sam Gamdschies in meinem Kopf, der Reisende genauso wie der Hobbit, so vollständig sein, wie sie nur sein können.
Sag das nicht. Frodo schüttelte den Kopf. Nimm das zurück, Sam. Es mag sein, dass dieser Tag niemals kommt, und du verdienst es nicht, an ein verwundetes altes Spinnennetz wie mich gefesselt zu sein.
Da sind keine Wunden mehr, das sind Narben. berichtigte Sam und ließ seine Fingerspitzen über den Stumpf gleiten, wo Frodos Finger in einem Gewebeknoten endete. Und ich liebe sie genauso wie alles andere an dir. Halt dich nicht an alten Dingen fest, die alles Wünschen nicht ändern kann. Schau nach vorn, was als nächstes passiert. Wir haben immer noch ein Tintenfass oder zwei voller Erzählungen vor uns, wir beide.
Frodo legte seinen Kopf auf Sams Schulter und sah zu, wie das Feuer herunterbrannte und zu Asche zerfiel. Er dachte an Geschichten und daran, wie es war, wenn sie ein glückliches Ende fanden.
Top Nächstes Kapitel Stories bis 18 Stories ab 18 Home
|