Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion
Kapitel 42
Drinnen
Noch Platz am Tisch für einen mehr?
Rosie blickte beim Klang der Stimme auf, lächelte Pippin zu und lud ihn ein, Platz zu nehmen. Elanor war drei jungen Bedienungen im Grünen Drachen überlassen worden, damit Rosie ihren Nachmittagstee in Frieden genießen konnte. Sie bot Pippin ein Stück Teegebäck an und er biss hinein, ohne zu zögern.
Ich wusste nicht, dass du nach Hobbingen kommst. Ist Merry auch dabei?
Ja, und Stel und Juli auch. Genauer gesagt übernachten wir hier, obwohl die anderen gerade unterwegs sind, um irgendwelches Unheil zu stiften. Wir sind zum Freudenfeuer morgen nacht gekommen, weil ihr hier wahrscheinlich mehr Blätter übrig habt als anderswo. Pippin ergriff den Teebecher, den ihm eine der Bedienungen anbot, mit einem dankenden Nicken und nahm einen kräftigen Schluck, bevor er weitersprach. Und was machst du hier unten, Frau Rose? Wir haben gehört, dass die Bewohner von Beutelsend nicht mehr oft vor die Tür kommen.
Sehr komisch. Wir waren auf Besuch, Ellie und ich. Wir haben uns das neue Spachtler-Baby angeschaut.
Ah
sie wird dem Kerlchen eines Tages das Herz brechen, weißt du das? Deine Kleine ist wirklich mächtig hübsch.
Ich verwette meinen letzten Keks, dass jedes von deinen Kindern ein schlimmerer Herzensbrecher sein wird, als meine es je sein könnten.
Tja, dann werden wir wohl abwarten und sehen müssen, oder? sagte Pippin mit einem Lächeln, während er sein zweites Gebäckstück mampfte. Rosie legte die Hand auf den Mund, als ihr ein gewaltiges Gähnen entschlüpfte. Pippins Gesichtsausdruck wurde mitfühlend.
Ah, das ist ein Blick, den ich wiedererkenne, muss ich leider sagen. Den hab ich im Spiegel allzu oft bei mir selbst gesehen.
Dann hat Merry also auch Alpträume? fragte Rosie mit leiser Stimme.
Pippin nickte. Ganz schreckliche. Ich hab auch manchmal welche, und ich bin sicher, bei Sam ist das nicht anders. Aber Merry und Frodo
es tut ihnen mehr weh, denke ich. Sie sind nicht mehr die selben Hobbits, die sie noch vor ein paar Jahren waren.
Das ist keiner von uns, Herr Pippin, keiner von uns. sagte Rosie betrübt, dann seufzte sie. Aber wie auch immer, lass uns von fröhlicheren Dingen reden. Erinnerst du dich noch, wie Gandalf vor ein paar Jahren zur Nacht des Freudenfeuers kam du musst noch ziemlich jung gewesen sein und wie er die Flammen ganz bunt gezaubert hat?
Ich kann mich an ein paar Gelegenheiten erinnern. Er mochte unsere Feste. Pippins Grinsen bei dieser Erinnerung war traurig und leicht verkniffen, und Rosie war bestürzt darüber, wie jemand, der noch in den Zwanzigern war, so erschöpft aussehen konnte. Er kam letzte Woche, um mich und Merry zu sehen.
Wirklich? Es wundert mich, dass er dann nicht in Beutelsend haltgemacht hat. Frodo und Sam hätten sich sehr gefreut, Besuch zu bekommen.
Pippin zögerte. Ich glaube, er weiß, dass er sie bald genug sehen wird
Also, Rosie, da gibt es ein paar Dinge, die ich dir sagen möchte, und ich tue das nur, weil ich denke, unser lieber Frodo würde mich umbringen, wenn ich Sam seinetwegen noch mehr Kummer mache. Aber schließlich sollte wenigstens einer von euch beiden Bescheid wissen. Wenn es Merry wäre
Pippin brach ab, dann riss er sich zusammen, sprach schnell weiter und ließ die Worte wie in einem Schwall herauspurzeln. Frodo wird sehr bald fortgehen. Er wird sagen, dass er seinen Onkel Bilbo in Bruchtal besuchen möchte. Aber er kehrt von dieser Reise nicht zurück. Er hat vor, mit den Elben zu segeln. Das ist auch der Grund, weshalb Gandalf bei uns war. Er dachte, wir sollten das wissen, damit wir sie ein Stück begleiten können.
Oh
sagte Rosie. Jemand ließ neben der Theke einen Teller auf den Boden fallen und er zerbrach klirrend. Elanor gurrte unter all der Aufmerksamkeit, die sie bekam. Das Gebäck, die Marmelade und die Sahne auf dem Tisch rochen plötzlich viel zu süß, so, als wären sie verdorben. Rosie war, als müsse sie sich gleich übergeben.
Oh
sagte sie noch einmal.
Als ich jünger war, bin ich jedes Mal, wenn ich Frodo besucht habe, herumgesessen und Sam auf die Nerven gegangen, wenn er arbeiten wollte. Ich habe ihn dazu gebracht, mir Sachen über den Garten beizubringen, und ein paar Dinge, die er gesagt hat, habe ich nie vergessen. Selbst wenn man alle Pflanzen aus der Erde reißt, kann dort noch etwas gedeihen. Wenn man aber Salz draufstreut, dann verdirbt der Boden und es ist nichts mehr zu retten. Sa
Scharkers Stimme war ein gefährliches Ding, und ich denke, er hat Frodo glauben gemacht, er hätte Salz im Herzen. Mach ihm klar, dass da immer noch Blumen wachsen können, Rosie. Das ist deine Aufgabe. Denn wenn er Sam anschaut, kann er, wenn er will, all die dunklen Zeiten sehen, aber alles, was du ihm bedeutest, sind gute, helle Dinge.
Ist das der Grund, warum ihr, Merry und du, euch mit Fräulein Juweline und Estella zusammengetan habt?
Pippin nickte und lächelte weich beim Gedanken an die beiden Mädchen. Bevor er allerdings etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und Marigold kam hereinmarschiert. Sie trug weder Hut noch Haube und die Haare sträubten sich wirr um ihr Gesicht.
Willst du dich uns anschließen, Marigold? bot Pippin an und zog einen weiteren Stuhl heran. Sie bemerkte ihn und Rosie und starrte sie an, dann sprach sie, trotz ihres aufgelösten Zustandes erstaunlich kühl.
Ach Rosie, Pippin, wie reizend, euch zu sehen. Und Elanor schaut so gut aus. Sie hat das gleiche, seltsame Gesicht wie alle Beutlin-Kinder, aber ich nehme an, da kann man einfach nichts machen.
Rosies Kopf fuhr herum wie angestochen; die Bosheit in den Worten war messerscharf und völlig unerwartet.
Du solltest verschwinden und in Bree leben. Den Männern da macht es nichts aus, wie verlottert du bist, und der Größenunterschied ist ihnen auch egal. zischte Marigold. Du und Farning, ihr verdient einander.
Stille fiel herab wie der Schwung einer Axt; jedermann erstarrte und wandte sich ihnen zu, um zu sehen, was geschah. Pippin wollte aufstehen, aber Rosie legte die Hand auf seinen Arm und hielt ihn zurück. Dann schob sie bedachtsam ihren eigenen Stuhl nach hinten. Er kratzte laut über den Boden.
Pippins Augen flammten vor Zorn. Die Erschöpfung in seinem Gesicht entpuppte sich als das, was sie wirklich war: als Stärke und Wissen und eine stählerne Art von Liebe, die sich unter keinem Angriff beugen und auch sonst niemals erschüttert werden würde. Rosie stand auf. Sie war einen halben Kopf größer als Marigold, und sie ballte die Fäuste. Als sie einen Schritt vortrat, geriet Marigold ins Wanken, und in ihren Augen erschien zum ersten Mal ein Schimmer von Angst. Doch dann schüttelte Rosie den Kopf, wandte sich ab und nahm Elanor auf den Arm.
Ich habe ganz genau, was ich verdiene, Marigold, und das Gleiche gilt für dich.
Rosie ging durch die immer noch offene Tür hinaus, den Kopf hoch erhoben und Pippin an ihrer Seite. Sie schaffte es um die Ecke und auch noch den Weg hinunter, bevor sie sich mitten in den Schmutz setzte und zu schluchzen begann. Pippin streichelte ihr sanft den Rücken, während sie weinte.
Nichts wirkt, Pippin, gar nichts. Weder Nieswurz noch Ingwer, noch nicht mal Königskraut, und das hat wenigstens am Anfang geholfen. Ich will, dass er hierbleibt, aber wozu? Damit er die ganze Zeit Schmerzen hat und sich obendrein lächerliches Gewäsch von solchen Leuten wie Marigold anhören muss?
Pippin schwieg, ließ aber mit seinen tröstenden Berührungen nicht nach.
Sie liegt sowieso daneben. El ist genauso eine Gamdschie wie sie, im Geist und im Blut. Ich weiß nicht, wo diese Schönheit herkommt, aber Frodo hat nichts damit zu tun. Elanor ist nicht sein Kind, obwohl
Rosie zögerte. Es gab da einen Bruder oder eine Schwester für sie, die wir verloren haben, und da hätte es sein können.
Pippin nickte. Das dachte ich mir. Wir haben von deinen Schwierigkeiten gehört und konnten nicht anders, als uns ein paar Fragen zu stellen. Rose, Sam wird wieder gesund werden, genau wie ich, und ich bin jeden Tag sicherer, dass Merry es auch schafft. Und wenn wir alle das hinkriegen, dann kriegt Frodo es auch hin. Du kannst ihm das sicher begreiflich machen.
Ja. Rosie trocknete ihre Tränen mit dem Rocksaum und nickte, sich selbst ermutigend. Das kann ich.
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