Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 31
Abenddämmer und Morgengrauen

Abend. Rosie konnte ein Grüppchen Zwanziger hören, die draußen herumspielten, alle möglichen Regeln brachen und darüber lachten. Das Gelächter wurde unvermittelt zu überraschtem Geschrei, als ein neuerlicher Regenschauer herunterkam. Den ganzen Tag über hatte es immer wieder geregnet, ein weiches, schnelles Plitscher-Plätscher, und dann zogen die Wolken fort und die Sonne kam heraus. Die Einrichtung von Beutelsend lag in honigfarbenes Licht getaucht von all den aufgestellten Kerzen und Lampen, die jede Ecke und jeden Winkel erhellten und die Schatten verscheuchten. Rosie konnte dunkle Stellen in schönen Räumen nicht ertragen. Sam spielte mit Elanor, er sagte Kinderverse auf und klatschte ihre Hände sanft zusammen, und Rosie erledigte ein paar Näharbeiten. Rosenbüsche waren wirklich hübsch anzuschauen, aber ihre Dornen waren der Tod für jedes Kleidungsstück. Manchmal fragte sich Rosie, wieso sich die Leute die Mühe machten, diese schwierigen Blumen zu pflanzen und zu hegen, wenn es viel einfachere gab, die genauso schön aussahen. Zu anderen Zeiten erschien es ihr wiederum als das Sinnvollste auf der Welt.
Frodo lag auf dem Sofa und sah ihnen zu. Er war in einer seiner traurigen Stimmungen. Das hätte Rosie zwar auch gemerkt, ohne dass er davon sprach, aber er hatte sie beide schon gewarnt. „Ich fürchte, ich bin heute abend nicht sehr unterhaltsam, tut mir leid.“ hatte er gesagt, als würden sie ihm ein wenig Trauer nicht gönnen.
„Was ist deine schönste Erinnerung?“ fragte sie ihn jetzt und legte ihr Nähzeug beiseite. Besser eine Kerze anzünden, als das Dunkel verfluchen, wie ihr Vater immer sagte.
„Meine…“ Frodo brach gedankenverloren ab, dann lächelte er. „Dies hier natürlich. Jetzt, in diesem Augenblick.“
Sam blickte zweifelnd zu ihm herüber. Frodos Augen waren krankhaft dunkel, sein Haar so schlaff, dass die Locken fast verschwunden waren. Er sah nicht gerade aus wie ein Bild robuster Lebensfreude.
„Entschuldige, dass ich das sage, aber sehr glücklich kommst du mir nicht vor.“
„Bin ich aber, Sam, bin ich aber. Nach einem langen, anstrengenden Tag gibt es nicht Schöneres, als in ein gemütliches Bett zu fallen und friedlich einzuschlafen. Und mein Tag ist wirklich sehr lang gewesen.“
„Oh, genug davon!“ Rosie schüttelte den Kopf und zwang ihren Mund zu einem heiteren Lächeln. „Ich mag nicht noch mehr Bauchweh oder dichterisches Getue. Du erzählst mir jetzt von einem schönen Augenblick, oder ich komme da rüber und kippe dir Wasser über den Kopf. Damit werde ich dich ziemlich schnell aufmuntern.“
Frodo gluckste. „Also gut, also gut. Da gab es einen… vor fünf Jahren ungefähr.“
„Oh nein, nicht den!“ warf Sam ein, verbarg sein Gesicht in den Händen und lachte leise in sich hinein.
„Doch, genau den.“ Frodos Lächeln wurde breiter. „Folgendes ist passiert: Sam war dabei, einen Karottenkuchen zu backen, aber als er eines von den Eiern aufschlug, war da ein Küken drin. Das Hühnchen schaute ziemlich verdattert drein, weil es so rüde davon aufgeweckt worden war, dass jemand es gegen die Kante einer Rührschüssel knallte. Sam verliebte sich bis über beide Ohren. Wie hast du es genannt, Sam?“
„Ich weiß nicht, ob ich mich noch erinnere.“
„Und ob du das tust, darauf verwette ich all meine Zehen.“ grinste Frodo. Sam murmelte etwas Unverständliches. „Was war das? Ich hab dich nicht verstanden…“
„Rosie. Ich habe es Rosie genannt. Das weißt du genauso gut wie ich, du wolltest mich bloß dazu bringen, das ich es sage.“
„Das ist nur zu wahr.“ Mit einem Lachen setzte Frodo die Geschichte fort. „Also, Sams Ohm wollte natürlich kein Küken im Haus. Und Sam konnte es nicht ertragen, sich von ihm zu trennen. Also habe ich ihm gesagt, dass er sein Rosiehühnchen hier in Beutelsend halten kann, in dem alten Stall, der nicht mehr benutzt wird. Niemals in der Geschichte ist ein Vogel dermaßen verwöhnt worden. Sam hatte beim Jäten ständig einen Krug dabei, um Würmer für sie zu sammeln. Dann dachte er, sie könnte sich vielleicht einsam fühlen und er brachte ihr einen Gockel. Rosiehühnchen beschloss, das sie jeden Morgen krähen wollte, ganz so wie ihr nagelneuer Ehemann, aber sie bekam den Bogen einfach nicht heraus. Jeden Abend bei Sonnenuntergang plusterte sie ihr Gefieder auf, stolz wie sonst was, und sie kikerikiete, so laut sie konnte. Endlich beschloss Sam, ihr beizubringen, wie man es richtig machte, und eines Morgens wurde ich aufgeweckt durch die harmonischen Klänge von einen Hühnchen, einem Gockel und einem schlaftrunkenen Gärtner, die in der Dämmerung um die Wette krähten.
Natürlich tat ich das einzig Vernünftige und stimmte mit ein.“
„Du warst am besten von uns allen.“ grinste Sam.
„Die Leute kamen vor die Tür, um zu sehen, ob wir in Ordnung sind. Sie dachten, etwas Schreckliches wäre passiert, weil wir so einen fürchterlichen Lärm machten.“
Rosie schüttelte den Kopf, vor Gelächter zitternd. „Ihr zwei… mir fehlen die Worte, euch beide zu beschreiben. Verrückt wäre wahrscheinlich das einfachste, aber ich fürchte, es geht viel tiefer.“
„Das ist es doch, was du an uns am meisten magst, nicht wahr?“ meinte Frodo, und Rosie musste zugeben, dass er recht hatte.


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