Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

2. Epilog
Östlich der Sonne

Sie stritten sich nicht an diesem letzten Tag. Rosie hatte streiten wollen, aber sie wachte kalt und unglücklich auf; Frodo war schon aufgestanden und Sam schlief noch, eng zusammengerollt. Am nächsten Morgen würden sie zu früh aufbrechen, um sich richtig verabschieden zu können, deshalb war diese verbliebene Zeit alles, was zählte.
Sie bereitete all die Frühstücksgerichte zu, die sie je zusammen verspeist hatten, ein paar Eier, einige kleine Pfannkuchen und Speck auf frischem Brot. Sie küsste alle beide, als sie zum Tisch kamen, dann bat sie sie, auf Elanor aufzupassen, stürzte hinaus zu dem Baum beim Waschplatz und kämpfte mit den Tränen.
Sam versuchte, seine Hände mit allerlei seltsamen Verrichtungen zu beschäftigen, aber es gab nicht wirklich etwas zu tun, und der Himmel hing wie ein Gewicht über ihnen, schwer von Regen.
Als Frodo endlich glaubte, unter all den heftigen Gefühlen in seinem gemütlichen, kleinen Heim ersticken zu müssen, stahl er sich zu einem Spaziergang davon. Es war nass, kalt und windig, aber die Augen davor zu verschließen, dass sein geliebtes Auenland auch diese raue Seite hatte, wäre kaum gerecht gewesen.
Fastred und Jacky spielten unten am Flussufer mit Murmeln. Frodo rief ihnen zu, sie sollten nicht zu dicht ans Wasser gehen, und sie kamen angerannt und stellten ihm Fragen über Abenteuer und fremde Orte, so wie immer. Sie begleiteten ihn zurück zum Nachmittagstee nach Beutelsend, dann hopsten sie wieder davon, um weiterzuspielen. Rosie, Sam und Frodo verbrachten den Rest des Nachmittags und den Abend damit, mit Elanor zu spielen, Kuckuck und Rundherum im Garten und all die anderen Spiele, die sie liebte. Nachdem sie eingeschlafen war, saßen sie bis spät in die Nacht zusammen, länger, als es bei einer so frühen Abreise am nächsten Tag ratsam war. Sie sprachen über alles und nichts, und dann gingen sie gemeinsam ins Bett.
Am nächsten Morgen brachen Sam und Frodo auf; Rosie winkte ihnen am Tor zum Abschied zu. Vorher hatte sie beide geküsst.
„Du kommst zu mir zurück, hörst du?“ sagte sie mit tiefernster Stimme zu Sam, dann wandte sie sich an Frodo. „Ich werde es nicht sagen… obwohl ich nachgedacht habe, und obwohl ich das Gute an diesem Abschied sehen kann. Aber es ist nicht das Gute, das ich haben will, auch nicht für dich, deshalb werde ich es nicht sagen.“
„Ich liebe dich auch, Rosie.“ sagte Frodo, und er küsste sie. Und dann ging er.

***

Sam und Frodo trafen mit Bilbo und den anderen zusammen, und irgendwie hatte Sam vergessen, wie lieblich Galadriel war und begriff es wieder ganz neu.
„Nun, Herr Samweis,“ sagte sie. „ich höre und sehe, dass du mein Geschenk gut verwendet hast. Mehr denn je wird nun das Auenland Liebe und Segen haben.“
Sam konnte nicht antworten. Frodo und Bilbo sprachen von Geburtstagen und von einer bevorstehenden Reise. Und plötzlich verstand Sam, dass seine schrecklichsten Befürchtungen schließlich doch wahr geworden waren. Frodo ging fort, und er konnte ihm nicht folgen.
„Nein, Sam. Jedenfalls noch nicht, nicht weiter als bis zu den Anfurten. Allerdings, auch du warst ein Ringträger, wenn auch nur kurze Zeit. Vielleicht kommt auch für dich noch der Tag.“ Frodo lächelte. „Sei nicht traurig, Sam! Du kannst nicht ewig entzweigerissen sein. Du wirst noch viele Jahre lang heil und ganz bleiben müssen. Du hast noch so viel Freude vor dir, du bist und tust noch so vieles!“
„Aber ich dachte, auch du würdest noch Jahr um Jahr am Auenland deine Freude haben, nach all dem, was du getan hast.“ sagte Sam mit drängender Stimme.
„So dachte ich auch einmal.“ sagte Frodo leise, schaute auf seine Hände hinunter und öffnete und schloss seine verbliebenen Finger. „Aber ich bin allzu tief verwundet, Sam. Ich habe das Auenland zu retten versucht, und es ist gerettet worden, aber nicht für mich.“
In den nächsten Stunden sagte er nichts mehr, während sie weiter ritten, und Sam ebenso wenig. Er verstand jetzt, dass Rosie irgendwoher gewusst hatte, was kommen würde, und dass sie dieses schreckliche Wissen für sich behalten hatte. Dafür liebte er sie nur noch mehr, und er wünschte sich, er hätte ihren Schmerz lindern können.
Als der Abend herabsank, hielten sie an und schlugen ein Nachtlager auf. Die Handgriffe, mit denen Frodo und Sam ihre Schlafrollen ausbreiteten, waren ihnen immer noch so vertraut wie das Atmen, und endlich sprach Frodo wieder, mit einem leisen Flüstern. Die Worte waren für niemand anderen gedacht, und sie klangen flehend.
„So geht es oft zu, Sam, wenn etwas in Gefahr ist. Der eine muss es aufgeben, es verlieren, damit die anderen es behalten können. Aber du bist mein Erbe; alles, was ich habe oder hätte haben können, hinterlasse ich dir.“
Tränen stürzten ihm aus den Augen, und noch immer rührte Sam sich nicht; er ließ Frodo zu Ende bringen, was er sagen wollte.
„Und du hast außerdem Rosie und Elanor; und ein kleiner Frodo wird auch noch kommen, eine kleine Rosie, ein Merry, ein Goldlöckchen und ein Pippin – vielleicht noch mehr, als ich jetzt voraussehen kann. Deine Hände und deinen Verstand wird man überall brauchen, sie waren niemals so ausschließlich für mich allein gedacht. Irgendwie weiß ich in meinem Herzen, dass ihr, du und Rose, immer noch einen Platz in der Geschichte habt, die vor mir liegt. Und wenn das stimmt, dann bin ich bereit, bis in alle Ewigkeit zu warten, um euch wiederzusehen.“
Sam, der diese traurige Ansprache unmöglich noch länger ertragen konnte, brachte Frodo mit einem Kuss zum Schweigen. Er öffnete ihm die Hemdknöpfe, genauso, wie er es hunderte von Malen zuvor getan hatte, in den Nächten, wenn Frodos Hände zu unsicher oder zu müde gewesen waren, um es selbst zu tun. Sie weinten, und sie küssten sich, und sie berührten einander, und niemandem, der sie sah, machte es etwas aus. Es hatte nie etwas ausgemacht.
„Du wirst Bürgermeister, natürlich, und bleibst es, solange du willst, und außerdem der berühmteste Gärtner unserer Geschichte.“ fuhr Frodo fort, als Sam seine Schulter an der Stelle küsste, wo die Haut sich in einer gezackten Linie runzelte. „Du wirst Kapitel aus dem roten Buch lesen und die Erinnerungen an das entschwundene Zeitalter wach halten.“ Seine Stimme versagte und er vergrub die Hände in Sams Haar. „So werden die Hobbits der großen Gefahr gedenken und ihr liebes Land um so mehr lieben.“
Frodo schlief in dieser Nacht zusammengerollt neben Sam, und das war warm und tröstlich, und ihre Träume waren liebevoll und sanft.
„Und du wirst so viel zu tun haben, und so glücklich sein, wie einer nur sein kann, solange dein Teil unserer Geschichte noch weitergeht. Die letzten Seiten des Buches, und das glückliche Ende danach sind für dich.“ sagte Frodo im ersten Licht vor der Morgendämmerung, als Sam, scheinbar schlafend, neben ihm lag. Frodo stand auf, sein Versprechen mit einem Kuss besiegelnd, und die Tränen, die aus Sams Augen fielen, sah er nicht mehr.

***

Rosie saß am Fenster und blickte hinaus auf das Auenland, als die Morgendämmerung anbrach. Sie hoffte gegen alle Hoffnung, dass zwei Ponies den Weg heraufkommen würden, mit zwei kleinen Reitern, und Frodo würde sie hochheben und sagen: Ich könnte dich nie verlassen, Dummerchen! Aber sie wusste, dass das nicht geschehen würde, und dass es – vielleicht – so besser war. Sich das klarzumachen war wirklich das Allerschwerste daran.
Das Bett war ihr riesig und leer vorgekommen und Rosies Herz schmerzte bei dem Gedanken, dass es nie wieder so richtig ausgefüllt sein würde. Am sechsten Oktober endlich stand Sam vor der Tür, und er klopfte dreimal, zweimal kurz und einmal lang, wie er das immer getan hatte. Rosie hatte Hühnchen, Kartoffeln und Erbsen zum Abendessen gekocht, und alles war frisch aufgetragen und noch heiß. Beutelsend war zu groß für drei, aber über kurz oder lang würden mehr und mehr Stimmen der Stille ein Ende machen.
Sam setzte sich, und er ließ Elanor, die ihn anlächelte, auf seinem Schoß auf- und niederhüpfen.
Er holte tief Luft. „So,“ sagte er. „Da bin ich wieder.“

***

Sie weinten nicht. Es wäre ihnen falsch vorgekommen, zu weinen. Aber sie hielten einander die Nacht hindurch in den Armen und lächelten über die Erinnerungen in ihren Herzen. Und sie warteten auf den ersten Morgen ihres neuen Lebens.


1436

Ein Abend in Beutelsend war so ziemlich die behaglichste Sache auf der ganzen Welt. Die Flammen leuchteten und tanzten fröhlich, Kinder rannten herum und beklagten sich darüber, dass es viel zu früh fürs Bett sei und absolut noch nicht Zeit zum Baden. Es gab ärgerliches Geschrei von älteren Geschwistern, die sich mitten in einem Wettrennen wiederfanden, und es gab die einigermaßen sichere Ruhe des Studierzimmers, wo Rosie und Sam dem Tumult aus dem Weg gingen.
Elanor hatte nie gelernt, geduldig auf etwas zu warten, und dies war keine Ausnahme. Wieder und wieder hüstelte sie verstohlen und warf ebenso verstohlene Blicke dorthin, wo ihr Vater am Tisch saß und arbeitete. Endlich verdrehte sie die Augen.
„Schreib nicht mehr heute abend. Sprich mit mir, Sam-Papa. Erzähl mir von Lórien. Wächst meine Blume da immer noch, Sam-Papa?“ Das Licht des Feuers machte ihr Gesicht älter, als es war… aber vielleicht wurde sie auch nur in Sams Einbildung allmählich erwachsen. Schon fünfzehn Jahre alt, die Augen so groß und so schön, und so gescheit. Irgendwie fühlte Elanor das auch, und sie beendete neuerdings fast jeden Satz und jede Frage mit „Sam-Papa“ oder „Mammi“, je nachdem, mit wem sie sprach. Sie hatte es noch nicht eilig, erwachsen zu werden.
„Also gut, Liebes. Celeborn lebt immer noch dort zwischen seinen Bäumen und seinen Elben, und ich habe keinen Zweifel, dass deine Blume dort immer noch gedeiht. Obwohl ich jetzt dich zum Anschauen habe, deshalb sehne ich mich nicht mehr so sehr danach.“
„Aber ich will das alles selbst sehen, Sam-Papa. Ich will mal was anderes sehen.“ schimpfte Elanor. Denn Klein Rosie war den ganzen Tag damit hinter ihr hergewesen, wie hübsch sie aussähe, und das war außerordentlich langweilig geworden. „Ich will den Hügel von Amroth sehen, wo der König Arwen begegnet ist, und die silbrigen Bäume, und ich will die kleine weiße niphredil sehen, und die goldene elanor in dem Gras, das immer grün ist.“ seufzte sie. „Und ich will die Elben singen hören.“
Sam tätschelte ihren Arm; die kindlich-runde Fülle glättete sich bereits zu erwachseneren Kurven. „Dann wirst du das vielleicht eines Tages auch, Elanor. In deinem Alter habe ich das selbe gesagt, und lange danach auch noch, und es schien keine Hoffnung zu geben. Und doch habe ich sie gesehen, und gehört habe ich sie auch.“
„Ich hatte Angst, dass sie alle fortsegeln würden, Sam-Papa. Dann würde es hier keine mehr von ihnen geben, und dann würden überall nur noch die Orte sein, und…“ Sie hielt die Worte zurück, seufzte wieder und starrte ins Feuer.
„Und was, Elanorelle?“
„Und das Licht wäre verblasst.“
„Ich weiß.“ Sam nickte. „Das Licht beginnt auch zu verblassen, Elanorelle. Aber ausgehen wird es noch nicht. Und jetzt, wo ich mit dir darüber rede, denke ich sogar, dass es nie wirklich verlöschen wird.“
Er hielt inne, wie er das immer tat, wenn er nach genau den richtigen Worten suchte, um ihr etwas zu erklären.
„Denn jetzt scheint mir, dass sich sogar Leute daran erinnern können, die es nie vor Augen hatten. Obwohl das nicht das selbe ist, wie es wirklich zu sehen, so wie ich das getan habe.“
„Als wäre man wirklich in einer Geschichte?“ Elanor kratzte sich seitlich an der Nase und kräuselte Mund und Kinn, während sie darüber nachdachte. „Geschichten sind immer anders, sogar wenn sie davon erzählen, was passiert ist. Ich wünsche, ich könnte in die alten Zeiten zurückgehen!“
„Leute wie wir wünschen sich das oft.“ pflichtete ihr Sam bei. „Du bist am Ende eines großen Zeitalters auf die Welt gekommen; aber obwohl es vorbei ist, hören die Dinge nicht plötzlich auf, wie wir sagen.“ Er lächelte weich. „Es ist mehr wie ein Sonnenuntergang im Winter.“ Sie saßen eine Weile zusammen in der Stille und dachten über Dinge nach, die sie noch nie zu teilen gewagt hatten. Dann sprach Sam wieder.
„Die meisten Hochelben sind jetzt fort, zusammen mit Elrond. Aber noch nicht alle; und die, die nicht gegangen sind, werden jetzt eine Weile warten. Die anderen, die, die hier hergehören, werden noch länger bleiben. Es gibt immer noch vieles für dich zu sehen, und vielleicht wirst du es eher sehen, als du es dir erhoffst.“
Elanor stützte das Kinn in die Hände, die Augen auf einen weit entfernten Punkt jenseits des kleinen, warmen Zimmers gerichtet.
„Ich habe zuerst nicht verstanden, was Celeborn meinte, als er dem König Lebewohl gesagt hat.“ erwidert sie. „Aber ich glaube, jetzt tu ich’s. Er wusste, Frau Arwen würde bleiben, aber Galadriel würde ihn verlassen… ich glaube, das war sehr traurig für ihn. Und für dich, lieber Sam-Papa, und für Mammi, denn euer Schatz ist auch fortgegangen. Ich bin froh, dass Frodo mit dem Ring mich gekannt hat, aber ich wünschte, ich könnte mich an ihn erinnern. Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, wie es war, als wir zu viert hier gelebt haben.“
„Es war traurig, als er uns verließ, Elanorelle,“ sagte Sam und küsste ihr Haar. „Das war es, aber jetzt ist es das nicht mehr. Warum auch? Denn immerhin ist Herr Frodo dorthin gegangen, wo das elbische Licht nie verblasst; und er hat seine Belohnung bekommen. Aber ich bekam meine auch, und deine Mutter bekam ihre. Ich hatte viele Schätze; ich bin ein sehr reicher Hobbit.“ Sam hielt einen Moment inne, dann senkte er die Stimme.
„Und es gibt noch einen anderen Grund. Ich habe noch nie irgend jemandem davon erzählt oder es in das Buch geschrieben… deswegen flüstere ich jetzt auch. Bevor er fortging, sagte Herr Frodo, dass meine Zeit vielleicht noch käme, und dass es in der Geschichte, die noch aufgezeichnet werden muss, auch einen Platz gibt für unsere Frau Rose. Ich kann warten. Vielleicht hatten wir keinen guten Abschied. Aber ich kann warten.“ wiederholte Sam, und Elanor dachte, dass er sich mehr selbst daran erinnern wollte, als es ihr zu erzählen. „Soviel habe ich wenigstens von den Elben gelernt: sie kümmern sich nicht so sehr um die Zeit. Und deswegen glaube ich, Celeborn ist noch immer glücklich zwischen seinen Bäumen, auf eine elbische Weise. Seine Zeit ist noch nicht gekommen, und er ist sein Land noch nicht leid. Wenn er es leid wird, kann er ja gehen.“
„Und wenn du es leid wirst, gehst du auch, Sam-Papa, mit Mama. Du wirst zu den Anfurten gehen mit den Elben. Und dann komme ich mit euch. Ich werde mich nicht von euch trennen, wie Arwen sich von Elrond getrennt hat.“
„Vielleicht, vielleicht.“ Sam küsste wieder ihr Haar, und er kitzelte sie wie früher, als sie noch kleiner gewesen war. „Und vielleicht auch nicht. Viele werden vor die gleiche Wahl gestellt wie Lúthien und Arwen, Elanorelle, oder auch so ähnlich; und es ist nicht klug, zu wählen, bevor die Zeit reif ist. Und übrigens, mein Liebstes, die Zeit ist sicherlich reif dafür, dass auch ein Mädel von fünfzehn Lenzen ins Bett geht. Ich muss noch ein paar Worte mit Mutter Rose reden.“
Elanor stand auf und fuhr mit der Hand sanft durch Sams graugesprenkeltes Haar. „Gute Nacht, Sam-Papa. Aber…“
„Kein Gute Nacht, aber!“ lächelte Sam und schubste Elanor sanft in Richtung Tür. „Sogar Geburtstagsmädchen brauchen Schlaf.“
„…aber willst du ihn mir nicht erst zeigen? Das wollte ich sagen.“
„Dir was zeigen, Liebes?“
„Den Brief des Königs natürlich. Du hast ihn jetzt schon mehr als eine Woche.“
Sam stutzte verblüfft, dann fing er an zu lachen. „Gute Güte, wie die Geschichten sich wiederholen! Und mit gleicher Münze kriegt man es auch noch zurückgezahlt und alles. Wie wir den armen Herrn Frodo bespitzelt haben! Und nun werden wir von den Unsrigen bespitzelt, mit genauso ehrenhaften Absichten, will ich hoffen. Aber woher weißt du davon?“
„Es gab keinen Grund zum Bespitzeln.“ sagte Elanor mit einem unverschämten Grinsen, das deutlich zeigte, wie weit entfernt sie noch vom Erwachsenwerden war. „Wenn du es geheim halten wolltest, dann warst du nicht vorsichtig genug.“
Sam zeigte ihr den Brief; er war stolz darauf, wie schnell und mit welcher Leichtigkeit sie lesen konnte. Sie plauderten noch ein bisschen länger, von Königen und Königinnen und von Abenteuern, dann erhob sich Elanor, um ins Bett zu gehen. Er hielt sie zurück und griff in eine der tiefen Bodenschubladen an seinem Tisch.
„Es war für deinen Zwanzigsten gedacht, aber ich nehme an, ich mache nichts falsch, wenn ich’s dir früher gebe. Dies hier ist dein Buch, Elanorelle, geschrieben von Frodo mit dem Ring, wie du ihn nennst. Er wollte, dass du es bekommst. Alles Gute zum Geburtstag.“
Elanor nahm das schmale Bändchen aus den Händen ihres Vaters entgegen, überrascht und ehrfürchtig. „Dankeschön, Sam-Papa. Ich werde es gleich lesen.“
„Nein, geh ins Bett. Du kannst es morgen lesen.“ berichtigte Sam.
„Also gut, also gut.“ versprach Elanor, so flüchtig, dass Sam wusste, sie würde nichts dergleichen tun. Lächelnd schüttelte er den Kopf und sah zu, wie sie den Flur hinuntersprang, dann machte er sich auf die Suche nach Rose, die draußen vor der Tür die Sterne betrachtete.
Elanor entzündete eine Kerze, froh darüber, dass sie ein Schlafzimmer ganz für sich allein hatte. Sie machte es sich bequem, um in ihrem unerwarteten Geschenk zu schmökern. Ziemlich weit hinten lag ein Lesezeichen darin, ein verblasstes, blaues Band. Elanor schlug die Seite auf und fand Handabdrücke auf dem Papier. Es gab zwei davon, einer klein und offenbar von ihr, als sie noch ein Baby war. Der andere war fein geformt, und ein Finger fehlte. Sie legte die eigene Handfläche darüber und dachte über die Berührung nach, die vor Jahren diesen Abdruck hinterlassen hatte.
Auf der nächsten Seite war ein Brief. Er war an sie gerichtet.

Meine liebste Ellyelle,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! So – zwanzig Jahre alt. Wie lieblich du sein musst! Während ich dies schreibe, liegst du in deinem Korb neben mir auf dem Tisch; du ziehst mich dauernd an den Haaren. Zweifellos hast du dir das inzwischen abgewöhnt.
Deine Eltern haben dir wahrscheinlich tausende von Geschichten über mich erzählt, und alles nur gute, will ich hoffen. Jetzt habe ich eine Geschichte für dich, ein Märchen. Deine Mutter liebte Märchen, vielleicht tut sie das immer noch. Ich hoffe, du tust es.

Es war einmal ein Garten. Es war ein wundervoller Garten, voll von allen möglichen Pflanzen und Bäumen, und Jahr für Jahr gab es genau das richtige Wetter.
In dem Garten lebte ein Volk, so fröhlich und freundlich wie nur irgendeines auf der Welt. Einer aus diesem Volk hieß… also, lass uns bei der Wahrheit bleiben und ihn Frodo nennen. Obwohl dies ein Märchen sein soll, bist du sicher klug genug, zu wissen, dass es einen wahren Kern in sich hat.
Frodo lebte in seinem Garten, zusammen mit seinem Sam, und er liebte seinen Sam von Herzen. Sie waren so glücklich, wie zwei Geschöpfe nur sein konnten, ohne vor Freude zu bersten. Alles war vollkommen.
Der Besitzer des Gartens war ein fröhlicher Mann, der gerne sang, und alle Leute setzten sich, um zuzuhören und mit einzustimmen, wenn sie eine Strophe kannten.
Aber eines Tages saß Frodo unter einem Apfelbaum, und er entdeckte, dass eine der Früchte nicht rot und prall war wie die anderen, sondern schwarz und klein und hart.
Eine geschmeidige, leuchtende Schlange mit schönen, weißgoldenen Schuppen glitt vom Baum herab dorthin, wo Frodo saß und sprach ihn an.
„Dieser Apfel wird den ganzen Garten verderben, wenn du ihn dort hängen lässt.“
Dann nahm die Schlange Frodo mit hinunter zum Ufer eines nahegelegenen Flusses, und sie wies ihn an, ins Wasser zu schauen. Er schaute hinein und sah den ganzen Garten verdreckt und in Flammen, und sein geliebter Sam weinte und wurde geschlagen.
„Was muss ich tun?“ fragte Frodo die Schlange.
„Der Apfel muss aufgegessen werden, er muss in jemanden hinein. Dann wird sich das Unheil nicht weiter ausbreiten.“
„Aber was wird mit mir geschehen? Wird es mir so schrecklich ergehen wie sonst dem Garten?“
Die Schlange nickte betrübt. Da weinte Frodo, denn er wollte Sam nicht verlassen. Aber er wusste, was er zu tun hatte, auch wenn er sich davor fürchtete.
Die Schlange wand sich um ihn herum, aber es war keine tröstliche Umarmung.
Also aß Frodo den Apfel, und er spürte, wie die Fäulnis in ihm gärte wie ein finsterer Sumpf. Danach hätte er eigentlich sterben müssen, aber Sam wollte ihn nicht gehen lassen; er pflegte ihn eine Nacht hindurch, die länger war als je eine Nacht zuvor.
Der Garten war nun sicher, und es schien zuerst, als wäre Frodo es auch. Sam schluchzte vor Freude, und er nahm ein Mädchen namens Rose zur Frau, die so hübsch war wie die Blüten eines Kirschbaums. Frodo sorgte sich, wenn Sam und Rosie ihn küssten, weil er wusste, dass er Gift in sich trug, und er wollte ihnen nicht schaden.
Der Apfel ließ böse Triebe in Frodo wachsen, die sich um sein Herz schlangen und es zusammenpressten, so hart wie Eisen.
Sam und Rosie hatten ein Baby, benannt nach einer Blume, die einem Stern glich. Und dieses Baby strahlte wahrhaftig so hell wie ein Nachthimmel voller Sterne. Frodo hielt sie in den Armen, und der Geschmack des Apfels würgte ihn in der Kehle. Doch nun wusste er, dass es das Elend und den Schmerz wert gewesen war, und dass der Garten noch viel kostbarer war, als er sich je hatte vorstellen können.
Eines Tages kam der fröhliche, lachende Besitzer des Gartens zu Frodo, und Frodo wusste, dass es Zeit für ihn war, zu gehen. Und er küsste Rosie und Sam und ihr Baby zum Abschied, und dann ging er zum Tor hinaus.

Worum es in diesem Märchen geht, Elanor, ist folgendes: Manchmal müssen Leute aufgeben, was sie lieben, damit andere es behalten können. Wenn Frodo den Apfel nicht gegessen hätte, hätte er den Garten trotzdem verloren. Aber so weiß ich wenigstens eines: du und deine Eltern, ihr könnt dort bleiben.


1439

Mit achtzehn war Elanor für Hobbitmaßstäbe schlank, ihre Haut schimmerte rosig und sahneweiß und ihr Haar zeigte jeden einzelnen der hundert Bürstenstriche, mit denen sie es vor dem Schlafengehen bearbeitete. Wenn sie tanzen ging und das Festkleid ihrer Mutter mit den Kordelrosen am Saum trug, dann gab es keinen Hobbit, der nicht auf den ersten Blick sein Herz an sie verlor.
Sie wusste das natürlich, und wenn sie es jemals vergaß, hatte ihre Schwester Rose nichts Eiligeres zu tun, als sie daran zu erinnern. Aber es bedeutete ihr nicht sehr viel. Die Leute sagten ihr, sie sei schön, aber alles, was sie im Spiegel sah, war ihr eigenes, vertrautes Gesicht, die Augen ihrer Mutter und den Mund ihres Vaters.
Trotz ihres ständigen neidischen Gejammers liebte es Rosie, ihrer Schwester zuzusehen, wenn sie sich zum Ausgehen fertigmachte und mit einen Bimsstein über ihre Füße rubbelte, bis sie fast so weich aussahen wie ihre Hände. Sie plauderten über alles und nichts und machten ein paar Witze, wenn Fastred ankam. Im Laufe der Jahre stritten sie sich immer weniger und sie wurden einander beim Älterwerden immer ähnlicher.
Einmal hatte Elanor Rosie belauscht, als sie Prim und Margerite eine Gutenachtgeschichte erzählte. Elanor hatte sie auch schon erzählt bekommen und ihrerseits an Rose und Goldie weitergegeben. Mit der Zeit hatte sie sich, wie so oft, ein wenig verändert und Elanor fragte sich, ob sie die Geschichte wohl eines Tages hören und überhaupt nicht mehr wiedererkennen würde.

„Also stießen die beiden Brüder die böse Königin ins Feuer. Sie wollten eine Spur zurücklassen, während sie heimkehrten, damit sie später wiederkommen könnten, um all das Gold und die Juwelen mitzunehmen. Aber all ihre Steine hatten sie schon aufgebraucht, falls ihr euch erinnert, also hatten sie nur noch Brotkrümel, um eine Spur zu legen. Doch ein kleiner Spatz kam herab und pickte die Brotkrümel auf. Und so fanden die beiden Brüder den Schatz nie.“

Elanor war sich sicher, dass es anders ausging, als sie die Geschichte damals hörte, aber sie konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wie es richtig war.
Oft kam sie nach einem Tanz erst nach Hause, wenn alle schon schliefen. Aber sie ließen immer eine Lampe brennen, damit sie den Weg nach Hause fand. Und Elanor brachte es nie fertig, die Lampe zu löschen; denn irgendwie schien sie den Weg noch für jemand anderen zu erleuchten, damit auch er sicher durch das Tor und den Pfad hinauf heimkommen konnte.


1442

Elanor legte die Handfläche der einen und den Handrücken der anderen Hand auf das Glas und streckte Daumen und Zeigefinger. So hatte sie eine Art groben Rahmen; sie legte den Kopf gegen ihren Arm, während sie hindurchspähte.
„Was schaust du dir an?“
Es war Königin Arwen; die Zeit hatte ihr Gesicht ein klein wenig matter werden lassen, aber es war noch immer unvergleichlich lieblich. Als Elanor ihr zum ersten Mal begegnet war, fiel es ihr schwer, sich wohl zu fühlen. Arwen war eine wahrhaft königliche und kühle Herrscherin, von anderen abgehoben trotz ihrer Sterblichkeit und Liebe.
„Meine Mama und meinen Papa.“ Elanor schaute wieder hinaus in den Garten. Seine wohlgepflegten Rasenflächen waren sehr verschieden von dem kontrollierten Durcheinander der Pflanzen zu Hause.
Sam und Rosie lagen zusammen im Gras; er hatte eine große, rote Blüten aus einer Spalierranke gezogen und ihr hinters Ohr gesteckt. Sie lachte und schlug seine Hand weg, als er die weiche Innenseite ihres Ellbogens kitzelte.
„Sie benehmen sich… ganz schmalzig. Richtig liebeskrank. So müssen sie sich aufgeführt haben, als sie in meinem Alter waren. Gestern habe ich meine Mama kichern hören… kichern, wie ein kleines Mädchen. Sie sind hier sehr glücklich. Ich glaube, meine Mutter bekommt bald wieder ein Baby.“
„Findest du es schön, so viele Brüder und Schwestern zu haben?“ fragte Arwen mit einem kleinen, heiteren Lächeln.
„Ja. Wir sind eine eigene, kleine Welt nur für uns. Ich habe bloß manchmal das Gefühl, dass ich nicht richtig hineinpasse, weil ich so seltsam aussehe. Meine Schwester Goldie – ihr richtiger Name ist Goldbeere, aber alle nennen sie Goldlöckchen – hat genauso helle Haare, und Margerite auch, aber sie schauen immer noch so aus, wie Hobbits ausschauen sollten. Mein Papa sagt, wenn ich die langen Kleider anziehe, die hier alle tragen, und meine Füße sind bedeckt, dann könnte ich eher eine von deinen Töchtern sein als eine von seinen.“
„Ja. Du ähnelst meiner Großmutter. Dein Gesicht ist geschnitten wie ihres, und du bist fast genauso blond.“
„Hohe Frau, ich glaube, du weißt mehr über Liebe als irgend jemand anderes. Ich weiß gar nichts über Liebe, aber ich habe da eine Frage. Kannst du sie mir vielleicht beantworten?“
„Ich werde mein Bestes tun.“ Arwen ließ sich auf einem der hochlehnigen Stühle entlang der Mauer nieder.
„Bekommen Leute, die sich lieben, auch außerhalb der Geschichten ein glückliches Ende? Ich weiß nicht, ob ich noch daran glaube.“
„Das hat eine Menge damit zu tun, was du für ein gutes Ende hältst.“ Wie immer war Arwens Stimme weich und ein wenig traurig. „In der Welt gibt es nichts umsonst, Elanor aus dem Auenland. Nach meinem Dafürhalten ist Liebe das, wofür du bereit bist, alles zu verlieren. Ich liebe Estel, meinen Gemahl und König, genug, um tausende und abertausende von Jahren gegen seine Nähe einzutauschen. Dein Vater und Frodo, der Ringträger, liebten ihre Heimat. Eine Liebe wie diese zu haben ist ein Geschenk, dem nur wenige nahe kommen.“
Elanor verdrehte die Augen, aber so, dass Arwen es nicht sehen konnte. „Bitte um Verzeihung, aber jetzt bin ich sicher, dass ich im Herzen ein Hobbit bin und nicht so elbisch, wie mein Vater glaubt. Dass man lieben kann, ist noch kein glückliches Ende, und auch nicht, etwas zu retten, das du liebst, es sei denn, du hast hinterher etwas davon. Du liebst deinen Ehemann genug, um dein Leben aufzugeben, aber jetzt hast du ein so wunderbares Leben, wie man es sich nur wünschen kann. Und mein Vater, er hat alles, was er wollte, oder jedenfalls beinahe… dieser Edelstein, den ich um den Hals trage, hat mal dir gehört, nicht?“
„Ja.“
„Und jetzt ist es meiner. Aber eine kleine Weile hat er Frodo gehört, Herrn Beutlin. Ich erinnere mich nicht an ihn, obwohl meine Mutter sagt, er hätte mich genauso sehr geliebt, als wäre ich sein eigenes Kind. Warum hat er kein glückliches Ende bekommen? Er hatte es genauso verdient wie jeder andere.“
„Du scheinst dir so sicher zu sein, dass die Geschichte vorbei ist.“ Arwen neigte leicht ihren Kopf und betrachtete Elanor sehr aufmerksam. „Mein Gemahl pflegt zu sagen, dass wir mehr zurücklassen als eine Erinnerung. Ich glaube, das ist wahr. Vielleicht bist du in gewisser Weise sein glückliches Ende, genau wie für deinen Vater.“
„Aber ich bin nicht Papas glückliches Ende. Seines ist genau da unten.“ Elanor wedelte mit einer Hand in Richtung Fenster. „Und Frodos bin ich wohl auch kaum, wenn er nicht einmal hier sein kann, um es zu sehen. Und meine Mama und mein Papa vermissen ihn, und sie werden ihn niemals wiedersehen, und was immer du auch für ein glückliches Ende hältst, das ist es nicht.“
Arwens wunderschönes Lächeln wurde beinahe noch trauriger.
„Vielleicht werden sie es doch. Wir lassen mehr zurück als Erinnerungen. Aber manche Dinge können wir mitnehmen, wenn wir diese Welt verlassen. Vielleicht finden sie einander jenseits dieses Lebens wieder.“
„Also, das will ich doch schwer hoffen.“ Elanor legte ihre Hände gegen das Glas und formte ihren Rahmen neu. „Denn dieses Ende ist für manche so glücklich und andere gehen so leer aus. Irgendwie ist das kein richtiger Ausgleich, wenn du mich fragst.“
„Vielleicht sollte das Schicksal das nächste Mal dich um Rat bitten.“ Arwen konnte ihr Lächeln nicht verbergen, und einen Moment lang fühlte sich Elanor beleidigt, dann lächelte sie zurück.
„Ich werde Abenteuer erleben, weißt du.“ Elanor ließ sich zu Arwens Füßen nieder. „Ich möchte die Welt entdecken, so wie mein Vater, ich will Häuser bauen und Städte gründen. Besiedelte Orte sind wie warmer Pudding, sie kleben und liegen schwer im Magen.“
„Aber im Auenland kann man nirgendwo mehr neu siedeln, oder?“ fragte Arwen. Elanor seufzte und schüttelte den Kopf.
„Nein, da ist schon alles voller Heime und Höfe. Aber ich möchte es nicht wirklich verlassen, nicht für immer. Ich würde es zu sehr vermissen, glaube ich.“
„Vielleicht könnten die Grenzen des Auenlandes ausgeweitet werden, und du könntest in dem neuen Gebiet siedeln?“
„Also, das würde Spaß machen!“ stimmte Elanor zu. „Und es gäbe auch niemanden mehr, der sagt, ich bin eigenartig, weil ich die einzige wäre, die dort lebt, und dann wäre ich ganz gewöhnlich.“
Gewöhnlich ist nicht das selbe wie schlecht.“ erinnerte Arwen sie.
„Ja sicher, genauso wenig wie baden. Aber erklär das mal meinen Brüdern.“


1443

Sie kamen an einem sonnigen Treowestag (6. April, der Tag der ersten Mallornblüte im Auenland – Anm. d. Übers.) zurück nach Beutelsend, am späten Vormittag. Rose und Merry, waren die ersten, die auf die heimkehrende Reisgruppe trafen; die Kinder rannten den Hügel hinunter, als wären sie nur halb so alt, gefolgt von Goldie und Frodo, die sich um etwas mehr Würde bemühten.
Goldie und Rose gluckten über Baby Tom mit seinem Schopf rostbrauner Haare und seiner sommersprossigen Schnoddernase. Die Jungs interessierten sich mehr für die Geschichten, die ihre Eltern mit zurückgebracht hatten, Abenteuer aus zweiter Hand. So viele Willkommens-Umarmungen wurden ausgetauscht, dass Rosie und Sam das Gefühl hatten, ihre Arme würden abfallen, wenn noch jemand Hallo sagen wollte.
Elanor setzte sich mit einem Plumps auf ihr Bett und musste von der aufsteigenden Staubwolke niesen.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass sich keine von euch mein Zimmer unter den Nagel gerissen hat, während ich weg war.“ grinste sie über die Schulter in Richtung ihrer Schwestern, während sie über das Bett krabbelte, um die Fenster weit aufzustoßen. „Ich habe euch so viele Geschichten zu erzählen. Echte Könige und Königinnen, Goldie, wie in deinen Spielen. Und die schönsten Frauen dort haben dunkles Haar, Rose, mich fanden sie blass und öde.“
„Hast du uns Geschenke mitgebracht, Ellie? Hast du uns Seidenfächer und glänzende Haarspangen mitgebracht?“ Rubinie hopste vor Aufregung auf und ab.
„Ja ja, ich habe etwas für jeden von euch.“ Elanors Jahr in der Fremde klang leicht in ihrer Sprache mit, vor allem bei den R’s und den Selbstlauten. „Ich möchte aber auch hören, was ihr alles gemacht habt. Primelrose, Margerite, ihr seid so groß geworden! Ich habe das Gefühl, ich bin zehn Jahre weg gewesen.“
„Adaldrida Boffin und Jacky Schönkind haben geheiratet.“ sagte Goldlöckchen in verschwörerischem Tonfall. „Und deine Freundin Dora arbeitet jetzt im Wirtshaus; alle sagen, sie tanzt so hübsch wie ein Sonnenstrahl auf dem Wasser.“
„Was ist mit Fastred? Und mit Gutwill?“drängelte Elanor. Goldies Lächeln verrutschte einen Augenblick lang, aber sie sprach hastig weiter.
„Nachdem Jacky jetzt verheiratet ist, sind alle Mädchen hinter Fastred her. Er wollte sich mit mir sehen lassen, um sie loszuwerden, aber Faramir hat gesagt, wenn er das macht, dann zwingt er ihn, verfaulten Fisch zu essen.“
„Du und Faramir, Goldlöckchen? Bei all deinen Prinzessinnenträumen, ich muss sagen, das hätte ich nie erwartet.“ neckte Elanorelle und brachte ihre Schwester zum Erröten. „Was macht Gutwill?“
„Elanorelle…“
„Was? Was ist passiert?“
„Gutwill ist seit sechs Monaten tot.“
„Oh.“
Es dauerte Stunden, bis Elanor wieder aus ihrem Zimmer kam. Sie ging zu ihren Eltern ins Bett, wie sie es getan hatte, als sie noch klein war. Sam und Rosie hielten sie fest, während sie schluchzte. Sie streichelten ihr das Haar und ließen sie weinen.
„Ich fühl mich, als wäre mein Herz entzweigerissen.“ würgte sie endlich hervor.
„Das bleibt auch noch ein Weilchen so.“ sagte Sam und wiegte sie, als wäre sie noch ein Baby. „Aber irgendwann lässt der Schmerz nach. Und dann kannst du auch die Dinge wieder sehen, die das Leben süß machen.“
„Du wirst noch mehr lachen, weil du jetzt auch für ihn mitlachen musst.“ Rosies Stimme klang erstickt von ihren eigenen Tränen. „Vielleicht hast du eines Tages einen Sohn, und du wirst ihn nach deiner verlorenen Liebe nennen.“
„Ich wusste nicht einmal, dass ich ihn liebe. Ich habe es nie gewusst.“
„Doch, Ellie, das hast du.“ Sam wiegte sie immer noch, hinein in einen gramerfüllten Schlaf. „Es würde nicht so weh tun, als sei dein Herz entzweigerissen, wenn du ihn nicht aus ganzer Seele geliebt hättest. Aber eines Tages wirst du aufwachen und dich wieder vollständig fühlen, vollständig und geheilt – auch wenn du ihn immer noch liebst.“


1448

„Rose? Bist du wach?“
„Also jetzt ganz bestimmt, du Blödkopf!“ schnauzte Rosie ihren älteren Bruder an. „Fro, es ist mitten in der Nacht!“
„Ich weiß, aber ich brauche deine Hilfe. Ich will Mama und Papa einen Kuchen backen.“
„Lass El das machen. Sie kocht besser als ich.“
Rosie versteckte den Kopf unter ihrem Kissen und versuchte, wieder einzuschlafen.
„Ich mag deine Kuchen viel lieber, du bist nicht so etepetete damit, den Zuckerguss ganz richtig hinzukriegen und dass die Kuchenstücke alle gleich groß sind, so wie sie.“
„Wirklich?“ Sie wurde munter von der Schmeichelei. „Also schön. Aber wieso gerade jetzt? Keiner von ihnen hat Geburtstag, und ihr Hochzeitstag ist es auch nicht. Es ist auch keiner von ihren trübsinnigen Tagen, an denen sie bloß herumsitzen und seufzen und uns dauernd sagen, wie dankbar wir sein sollen für alles, was wir haben. Die kommen im März und im Oktober.“
Frodo zuckte die Schultern. „Es ist ein Einfach-so-Kuchen. Das sind die allerbesten.“
„Dann geh mal raus zu den Körben und guck, ob noch frische Eier da sind, die geben einen besseren Teig. Ich geh den Ofen anheizen.“ übernahm Rose das Kommando. Die beiden schlichen durch die Halle. Frodo öffnete die Tür, so leise er konnte und spähte hinaus. Rose ging in die Küche und sah nach, ob im Krug noch genug Sahne und Milch vom Abendessen übrig war. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um die Zuckerschüssel herunter zu holen. Sie war größer als Goldie, aber immer noch kleiner als ihre Mutter oder Elanor, und manche Sachen waren viel zu hoch hinaufgeräumt worden von Leuten, die nicht wussten, wie es war, normal groß zu sein.
Als Frodo eine gute Viertelstunde später immer noch nicht mit den Eiern zurückgekommen war, ging Rosie hinaus, um nachzusehen, was schiefgelaufen war. Sie stieß sich im Dunkeln die Zehen an einem blechernen Wasserbehälter. Mit einem Jaulen und einer gemurmelten Verwünschung trat Rose wütend gegen den rostigen Eimer.
„Autsch!“ sagte Frodo. „Der Krach, den du da machst, tut mir in den Ohren weh.“
„Wo bist du denn gewesen? Es kann doch nicht so lange dauern, nach ein paar Eiern zu sehen!“
„Ich war abgelenkt. Schau dir die Sterne an, Rose. Schau, wie schön sie sind.“
„Ja, die sind wirklich schön, nicht?“ stimmte Rose zu und legte den Kopf weit zurück, damit sie den ganzen Himmel sehen konnte.
„Was um Himmels Willen macht ihr beide denn hier um diese Zeit?“ fragte ihre Mutter. Sie kam nach draußen und stellte sich neben sie, einen hellblauen Schal um die Schultern. Seine Verzierungen hatten ziemlich unter den fehlgeschlagenen Versuchen von Merry und Pippin gelitten, alle Kleidungsstücke fachgerecht einzumotten.
„Wir schauen uns den Himmel an. Und wir backen Kuchen.“ antwortete Rosie und wedelte abwehrend, während Frodo sie gegen das Schienenbein trat, weil sie ihnen das ganze Spiel verdarb.
„Also, in diesem Fall sollte ich euch wohl nicht ausschimpfen.“ lachte Rosie. „Braucht ihr Hilfe?“
„Es sollte ein Überraschungsgeschenk sein,“ gab Frodo bedauernd zu. „Für dich und Papa.“
„Oh, dann gehe ich einfach wieder ins Bett. Ich bin sicher, morgen früh werde ich denken, das sei alles nur ein Traum gewesen, und ich werde wundervoll überrascht sein.“ versprach Rosie und wandte sich ab. „Bleibt nicht so lange hier draußen stehen, sonst kommen die Katzen rein, die ihr dauernd mit Essensresten füttern müsst, und gehen an die Sahne.“
„Ja, Mama.“ sagten sie pflichtbewusst im Chor.
„Und… meine Entchen?“
„Ja?“
„Ich liebe euch. Das sollt ihr immer wissen.“
Rose lächelte. „Wissen wir auch, Mama. Wir sind schließlich dein Glücklich für immer und ewig.“
Rosie schüttelte den Kopf.
„Niemand ist glücklich für immer und ewig, Blümchen. Aber manchmal macht ihr alle mich so glücklich, dass ich das vergesse, und dann ist es so dicht dran, dass man den Unterschied nicht mehr bemerkt.“


1454

Klein Bilbo, der mit achtzehn so klein nicht mehr war, hatte die Angewohnheit, genau oberhalb der Eingangstür zu sitzen, mit herunterbaumelnden Füßen, die jedermann im Weg hingen, der nicht achtgab. Sam packte ihn immer an den Zehen und zog ihn herunter. Dann lachte Bilbo jedes Mal und rannte hintenherum, um wieder hochzuklettern. Es ärgerte Primelrose und Rubinie wie sonst was, dass er ihnen vom Alter her am nächsten war, und dass sie ständig mit ihm in einen Topf geworfen wurden, als wären sie die gleichen Rotznasen.
Primelrose war häufig in der feuchten Kühle unter der Brücke zu finden; sie sah dem rasch vorbeifließenden Wasser zu. Sie spielte mit einer kleinen Muschel, die sie gefunden hatte, kratzte damit über den sandigen Boden und lauschte den Geräuschen eines weit entfernten Meeres.
Tom, der jüngste des Gärtner-Klans, war jetzt zwölf. Aber als Sam und Rosie aufhörten, eigene Kinder zu bekommen, kamen auch schon die ersten Enkel. Klein Rosie gelang es zum ersten Mal, schneller als ihre ältere Schwester zu sein; sie brachte ein niedliches, kleines Mädchen namens Lillian zur Welt, was prompt von allen mit Lil abgekürzt wurde. Es war eine eilige Hochzeit gewesen. Bräutigam und Braut hatten nicht viel mehr gemeinsam als die Neigung, auf Festen zu tief in den Bierkrug zu schauen. Und als er eines Tages von einem Ausflug nach Bree nicht mehr nach Hause kam, zuckte Rose einfach die Schultern und ging nach Beutelsend zurück. Es gab Gerüchte, dass sich zwischen ihr und Dorian Apfeltor aus Michelbinge eine Romanze anbahnte, aber niemand wusste, ob das stimmte, außer Rose und Dorian selbst.
Klein-Lil war fast so groß wie ihr junger Onkel Tom, und die beiden stellten gemeinsam mehr Unfug an, als die meisten sich vorstellen konnten.
Jung-Frodo, der mit seiner Braut Fíriel auf der anderen Seite des Hügels lebte, erwartete einen Sohn oder eine Tochter, bevor das Jahr um war, genau wie Elanor und Fastred. Die beiden hatten sich in der Westmark niedergelassen, einer Gegend, die ihnen der König geschenkt hatte. Sie war viel rauer und ungezähmter, als dass die meisten, bequemlichkeitsliebenden Hobbits sie wirklich zu schätzen gewusst hätten, aber Elanor und Fastred liebten sie sehr.
Fíriel scherzte manchmal, dass sie Jung-Frodo nur geheiratet hätte, weil ihr Name zu seltsam war, als dass irgend eine andere Familie sie haben wollte. Sie war nach einem Lied benannt, einer traurigen Dichtung über ein Mädchen, das nicht an Bord eines Elbenschiffes gehen konnte, als es davonsegelte. Elanor hatte das Lied immer geliebt, aber sie sang es nie, weil es ihre Mutter zum Weinen brachte.


1482

Sie hatten alles, was gesagt werden musste, schon lange zuvor gesagt, in glücklicheren Zeiten. Deshalb sprachen sie nicht mehr, während Sam auf der Bettkante saß und eine von Rosies Händen zwischen den seinen hielt. Endlich schlossen sich ihre Augen und sie tat einen letzten, seufzenden Atemzug, wie ein Wanderer, der endlich zu Heim und Herd zurückgefunden hat.
Wieder verging viel Zeit, bevor Elanor ins Zimmer kam. Sie hatte den langen Vorhang ihrer Haare geflochten und mit Bändern zurückgenommen. Jetzt lehnte sie sich über ihren Vater und küsste ihre Mutter auf die Stirn.
Die Nacht war herabgesunken und die süßen, schweren Düfte des Gartens wehten herein, als Elanor die Fenster aufstieß.
„Schau, Papa!“ Sie klang beinahe überrascht. „Die Sterne sind immer noch da.“


1483

Es war ein milder Sommernachmittag. Goldlöckchens älteste Tochter Romy jagte Bienen von Blume zu Blume, während Goldie und Elanor beisammen saßen und ihre Eltern vermissten.
„Farry denkt, sein Vater plant, zusammen mit Onkel Merry fortzugehen, nach Gondor vielleicht. Wie es scheint, sind sie nur geblieben, um Ro vom Baby zum Mädchen aufwachsen zu sehen. Jetzt, wo sie elf ist und sich an die beiden erinnern kann, reisen sie ab.“
„Ich habe mir immer gewünscht, ich könnte mich an Frodo erinnern, aber in letzter Zeit merke ich, dass ich das sehr wohl kann. Er ist genauso sicher ein Teil meines Lebens gewesen wie Mama und Papa, in all den Geschichten, die sie uns erzählt haben. Vielleicht lebt er immer noch, dort auf der anderen Seite des Meeres.“ sagte Elanor mit ihrer sanften Stimme.
„Das will ich doch stark hoffen, um Papas Willen.“ schnaubte Goldie. „Woher Papa sich aber so sicher war, dass er noch lebt, ist mir ein Rätsel.“
„Ich glaube, am Ende spielt es keine Rolle, ob Frodo noch am Leben ist oder nicht. Ich glaube, die Dinge sind ganz anders dort drüben, sehr viel unterschiedlicher, als wir uns erträumen können. Wahrscheinlich ist dort sowieso niemand wirklich tot oder lebendig. Nur glücklich. Und ich denke, Papas Boot wurde den Strand hochgezogen und der Sand war heiß und hell unter seinen Füßen, und Frodo und Mama waren auch da, um ihn in Empfang zu nehmen. Und sie sagten Hallo Sam, du hast dich ja nicht gerade beeilt, oder? Und jetzt liegen sie alle zusammen irgendwo unter einem Baum, und sie träumen vor sich hin und erzählen sich gegenseitig Märchen.“
Elanor lächelte. Goldie schüttelte den Kopf.
„Das ist ein hübscher Traum, El, aber wir haben Mama beerdigt. Kannst du dich an das Lied erinnern, das sie immer zum Weinen brachte, über die erdgeborene Maid, die nicht mit den Elben segeln konnte? Sie ist nicht bei ihnen, Ellie, nicht jetzt und niemals wieder.“
„Nein.“ Elanor schüttelte jetzt ihrerseits den Kopf; ihre Finger spielten mit der dünnen Kette, die um ihren Hals hing. Ich weiß nicht, woher ich das weiß, Goldie, aber ich habe die Geschichte fix und fertig im Kopf. Sie endet mit einem ,Glücklich für immer und ewig’, mein Herz weiß es ganz sicher.“
„Niemand ist glücklich für immer und ewig.“
„Möglich, aber es ist so nahe dran, dass man den Unterschied sowieso nicht mehr bemerkt. Und das ist genug.“


ENDE


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