Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 33
Jahreszeitenwechsel

Der Herbst schien sich über Nacht anzuschleichen; er bedeckte die Wege und Gärten mit einem Teppich aus kupfernen und messingbraunen Blättern und verlieh der Morgenbrise einen eisigen Biss. Herbst bedeutete Zusammenrechen, das Bezähmen von Kupfer und Messing, bevor beide das Grün völlig überrannten. Frodo saß auf einem Holzklotz und beobachtete Sam, während die Nachmittagssonne die rostroten Farben der Jahreszeit abrundete. Es war ein eigenartiger Holzklotz, sehr alt und halb von unsichtbarem Ungeziefer zerfressen, aber trotzdem sauber, trocken und solide.
„Fühlst du dich wohl?“ fragte Sam und fasste den Griff der Harke fester. „Du und Rose, ihr habt euch wieder gestritten. Normalerweise passiert das jedes Mal, bevor es dir so richtig schlecht geht, beinahe wie ein Naturgesetz.“
„Es geht mir gut.“ Frodo klang abwesend, als ob andere Dinge seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. „Wir haben uns außerdem gar nicht gestritten. Das war bloß ein Gespräch.“
„Sie macht sich Sorgen um dich. Sie zeigt es nicht, aber es frisst an ihr wie sonst was.“
„Was ist mit dir, machst du dir Sorgen um mich?“
„Irgendwie schon.“ gab Sam zu. Er musste das Feuerholz noch fertig hacken, aber die Gleichförmigkeit, die darin lag, Blätter zu Haufen aufzuschichten, versetzte ihn in einen Zustand friedlicher Benommenheit.
„Tu das nicht.“ Frodo grinste und wirbelte mit einem Tritt Blätter in die Luft. „Ihr zwei verbringt eure ganze Zeit damit, mir zu sagen, dass ich mich zusammenreißen und damit aufhören soll, mir selbst leid zu tun, dabei erlebe ich die beste Zeit meines Lebens. Ich bin der glücklichste Hobbit im gesamten Auenland, und ich muss nicht dauernd daran erinnert werden, um das zu wissen.“
Sam sagte gar nichts, aber sein Gesichtsausdruck zeigte nur allzu deutlich, dass er Frodo eher die Behauptung geglaubt hätte, der Himmel würde gerade rot statt blau.
„Schau mich nicht so an, Sam. Wenn Rosie recht hat und es war doch ein Streit, dann ist es einer von denen, die sich langsam totlaufen.“
„Es gibt einen Grund für diesen Streit, und es ist weder Rosies Fehler noch meiner. Ich glaube schon, dass du wahrhaftig glücklich bist, aber es ist kein Glück, das lebt und wächst, wie es sollte. Du hältst die Freude so fest, dass du ihr den Atem abschnürst.“
Frodo schüttelte den Kopf. „Ich habe überhaupt keine Ahnung, was du meinst.“
„Also… wenn ich einen guten Kuchen esse, dann genieße ich ihn wie jede gute Mahlzeit, aber ich weiß genau, morgen gibt es wieder einen neuen. Du dagegen scheinst dir sicher zu sein, dass es nie wieder ein Morgen mit neuem Kuchen geben wird, also knabberst du so langsam an dem herum, den du hast, dass der Tee kalt wird. Wann wirst du endlich begreifen, dass wir daheim sind, dass es vorbei ist, und dass von uns nichts mehr erwartet wird, es sei denn ein langes Leben?“ Sams Stimme klang beinahe flehend. Frodo blinzelte, als sähe er Sam zum ersten Mal seit Wochen ganz deutlich.
„Du bist wirklich aufgeblüht, nicht wahr, Sam? Es gab Zeiten, da warst du so schüchtern und ängstlich wie ein furchtsamer kleiner Vogel. Jetzt aber bist du Vater und Ehemann und Held. Du hast Seiten an dir entdeckt, von denen du nicht einmal wusstest, dass sie da waren.“
„Ich habe nichts Besonderes gemacht, Herr Frodo, nur das, was jeder andere an meiner Stelle auch getan hätte. Du bist der, der die Last getragen hat.“
„Versuch nicht, deine Verdienste auf andere Leute abzuwälzen. Einmal hast du sie auch getragen.“
„Dann entschuldige, dass ich frage, aber sollten wir in diesem Fall nicht beide aufblühen oder verwelken?“
Frodo antwortete mit seinem traurigen Lächeln. Sie blieben noch eine Weile, bis das Licht nachließ und man kaum noch etwas sah, dann machten sie sich auf den Heimweg. Zwei Seile waren irgendwo an einem kräftigen Ast festgemacht und schwangen rastlos. Die kleine Schaukel, von kleinen Händen ungeschickt aus einem Brett zusammengebastelt, knarrte, während sie nach einem langen Tag endlich zur Ruhe kam.
„Soll ich dich anschubsen?“ fragte Sam Frodo und die beiden kletterten auf das verlassene Spielzeug und schwangen sich in immer höheren und weiteren Bögen in die Luft. Dann ließen sie sich herunterfallen, und Sam entdeckte plötzlich, wie wunderschön Frodo aussah, das Haar wie ein dunkler Strahlenkranz um sein Gesicht, durchsetzt mit metallisch schimmernden Blättern und zu wilden Locken zerzaust. Lachfältchen tanzten wie Spinnweben in seinen Augenwinkeln, und für einen Moment schien Frodo so unwirklich wie ein Elb oder ein Traum. Dann war er wieder er selbst und versuchte, möglichst würdig auszusehen, während er sich die Blätter von der Weste bürstete.
„Du kriegst da ein bisschen Grau in den Haaren.“ neckte Sam. „Wenn Elanor groß genug ist, um es ihr zu erzählen, dann sage ich ihr, dass sie dafür verantwortlich ist, schließlich war sie als Baby eine wahre Heimsuchung.“
„Du wirst nichts dergleichen tun. Schließlich verwöhnst du sie bis zum geht nicht mehr, und das wissen wir beide.“ gab Frodo zurück und zuckte zusammen, als er seine Schulter kreisen ließ. Es war die schlechte, und er war böse darauf gefallen. Sam registrierte die Bewegung, obwohl Frodo den Schmerz mit einem neuerlichen Lächeln verbergen wollte, und er kam, um die empfindliche Stelle zu reiben.
„Also wird die arme Rosie die böse Mutter spielen müssen. Elanorelle wird sich beklagen wie nur was – aber Mama, Papa Sam und Onkel Frodo lassen mich immer Beeren vor dem Abendbrot essen!“
„Aber Mama, Papa Sam sagt, ich bin alt genug, um Pfeife zu rauchen!“
warf Frodo ein.
„Aber Mama, Onkel Frodo hat mir ein hübsches neues Kleid geschenkt und ich will es anziehen, also kann ich nicht saubermachen.“ setzte Sam auf die Liste. „Oh, sie wird wirklich eine Heimsuchung sein, wenn sie weiter so aufwächst.“
„Wird sie nicht. Sie wird genauso liebevoll und vernünftig wie ihre Eltern.“ meinte Frodo. „Das sagt mir mein Herz.“

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